Oper in 3 Akten

Libretto: Hanns Eisler

Die Entstehung:

Die erste Anregung, sich diesem Stoff zu nähern, reichten bereits in die Exiljahre Hanns Eislers nach Kalifornien zurück. Thomas Mann arbeitete seit 1943 an seinem Roman: „Doktor Faustus“, er stellte dieses Manuskript mehrfach zwischendurch auch Eisler und anderen zur Diskussion vor. Am 13. Juli 1951, dem Todestag seines Lehrers Arnold Schönberg, von dem er allerdings erst zwei Tage später erfuhr, beendete Eisler den ersten Entwurf zu seinem Faust-Libretto. Eisler hatte den Anspruch, dieses Libretto so zu verfassen, dass es auch von allen wirklich verstanden werde, eine Oper, die mit dem Volk auf Du und Du steht. Trotz seiner Zweifel nach dem ersten Entwurf sendete er das Manuskript an Thomas Mann und Lion Feuchtwanger, welche sich noch in den Vereinigten Staaten befanden und ihm in ihrer Reaktion auf den Entwurf beide ein „Werk von hohem dichterischen Rang“ bescheinigten. Ebenso diskutierte Eisler das Stück mit Brecht, schon während der Niederschrift. Thomas Mann bemerkte in seinem Brief, „dass das Ganze hübsch provokant sei“. Bis zu seinem Tod 1962 kam Hanns Eisler über einige musikalische Skizzen nicht hinaus.

Auf Wunsch der letzten Witwe Eislers setzte sich Friedrich Schenker mit 50 Jahren „Verspätung“ an die Vertonung. Er schrieb eine Partitur für gut vier Stunden Musik – eine redlich-konventionelle Musik des einst geächteten Librettos. Friedrich Schenker, mit seiner Hinwendung zum vielschichtig historischen Sujet, wollte durchaus auf Aktuelles anspielen, zu dessen Bearbeitung die Anregung von der letzten Witwe Eisler ausging: Es gibt mehrere Anstöße – den letzten hat natürlich die Steffi (Witwe von Eisler) gegeben, indem sie sagte: Ich will mir das noch einmal ankucken – ob ich (Schenker) nicht Lust hätte, das zu komponieren…

Schenker ist von der Aktualität des Librettos überzeugt: Ich habe gemerkt, dass das Stück von Anfang bis Ende voll politischer Aktualitäten ist, die es auch heute – gottseidank oder leider – in keinster Weise eingebüßt haben.

Inhalt:

Vorspiel

Das Vorspiel findet in der Unterwelt, dem Totenreich, statt. Pluto, der Herrscher der Unterwelt, hört die Klagen des Totenschiffers Charon und seiner „Agenten“. Sie bedauern, keine großen Seelen mehr zu bekommen. Als Ursache wird die allgemeine schlechte Lage ausgemacht. Es gehe den Menschen so schlecht, dass sie keine Sünden mehr begehen könnten. Als eine edle, außergewöhnliche Seele erwähnt Pluto Doktor Faust. Er fordert den Teufel Mephisto auf, Faust der Unterwelt zuzuführen, da er sich doch während der Bauernkriege im Sinne der Hölle verhalten habe. Mephisto weiß Näheres über Faust: Er habe aus Verzweiflung vier Doktortitel erworben und wende sich, von Vernunft und Wissenschaft angeekelt, wieder der Religion zu. Die angedeutete Schuld Fausts wird mit fortschreitender Handlung immer weiter ausgeführt. Indem er sich von den Bauern abwandte und aus Angst den Aufstand der Bauern ablehnte, verriet er sie. Faust handelte dabei entgegen seiner eigenen Überzeugung. Er leidet darunter und bereut diesen Verrat.

1. Akt: Wittenberg

Faust findet in der Bibel keinen Trost, da ihm ein solcher „Kinderglaube“ nicht mehr möglich ist. Er sieht die „Schwarzkunst“ als einen möglichen Ausweg, zögert aber noch, sich ihr zu verschreiben und beschließt, unter Menschen zu gehen. Dabei trifft er den invaliden Bauernkrieger Karl. Faust bedauert ihn, hält aber den bewaffneten Kampf der Bauern für einen Fehler. Faust ist selbst der Sohn eines Bauern und Karl kennt ihn seit der Kindheit. Der Verrat wird so ein doppelter: an den Bauern und an seiner eigenen Herkunft. Am Ende muss sich der zögerliche Intellektuelle vom revolutionären Bauern wegen seiner Lobpreisung der unpolitischen, gesellschaftsfernen Wissenschaft auslachen lassen und geht scheu davon. Nach Hause zurückgekehrt, beschließt er, sich der „Schwarzkunst“ hinzugeben. Er beschwört die Unterwelt und es erscheinen die „Agenten Plutos“. Aber erst Mephisto erscheint ihm als geeigneter Diener. Nach einigem Zögern schließt er mit ihm einen Pakt. Die Frist beträgt 24 Jahre. Faust fordert die Erfüllung all seiner irdischen Wünsche, ein liebenswürdiger Mensch zu werden und die Beherrschung der Künste. Im Gegenzug verlangt Mephisto, dass Faust sich nicht wasche, nichts lese, keine Universität betrete und niemanden liebe. Der Vertrag ist vor allem eine Flucht vor der Vergangenheit und ein Versuch des Vergessens. Fausts erster Befehl ist dann auch, ihn zwei Lieder aus dem Bauernkrieg vergessen zu machen. Da Faust nicht mehr an den Bauernkrieg und seinen Verrat erinnert werden möchte, verlangt er von Mephisto, nach Atlanta zu reisen. Begleitet werden sie dabei noch von Hanswurst, den Wagner als Fausts Diener eingestellt hat. Er ist ein einfacher, gewitzter, dem Essen zugeneigter Bauer. Er ist vor der Zwangsrekrutierung während der Bauernkriege geflohen. Seine Auftritte sind voller Situationskomik und Wortspielerein.

2. Akt: Atlanta

In Atlanta angekommen, werden die Fremden misstrauisch von den Dienern des Herrn von Atlanta befragt. Neuem sei man skeptisch gegenüber, für Zauberei interessiere man sich nicht und wichtig sei immer die Geschäftstüchtigkeit. Während Hanswurst sich von der Magd Grete verköstigen lässt, langweilt sich Faust mit Else, der Herrin von Atlanta. Sie erzählt selbstmitleidig, dass die Anlage des Gartens viele ihrer Sklaven das Leben gekostet habe. Aber wie auch im Garten immer wieder der frühere Sumpf hochkomme, so komme im Sklaven immer wieder der „Neger“ durch. Das Auspeitschen helfe nur für kurze Zeit. Faust ist angewidert. Faust verspricht die Aufführung einer neuen Kunst, der Schwarzspiele. Aus der Bibel werden Szenen gewählt, die Faust als Illusion zeigen soll. Als erstes zeigt Faust die David-Goliat-Geschichte. Während ein atlantischer General die Geschichte für aufrührerisch hält, wird der Sieg des schwachen Bauern über den Söldner der Philister von den Sklaven bejubelt. Das zweite Spiel zeigt, wie der Sklave Josef der Verführung durch die Frau des Potifar widersteht und so die Einheit der Sklaven erhält. Er lässt sich nicht korrumpieren und ein Hierarchie innerhalb der Sklaven entstehen. Im dritten Spiel soll Faust die drei Juden, die gegenüber dem König Nebukadnezar II. auf ihrem Glauben beharren, zeigen. Die ursprüngliche Geschichte wird von einem Sekretär vorgetragen: Die Juden beharren auf ihrem Glauben. Deshalb werden sie in einen Ofen gestoßen. Dort beginnen sie zu singen und gerührt lässt Nebukadnezar sie frei. Für den atlantischen General ist das ein weiteres „Hetzmärchen“. Daraufhin verspricht Mephisto eine neue Version seines „Herrn“ Faust. Im Schwarzspiel verbrennen die drei Juden daraufhin einfach. Die Lieder werden von den Sklaven Atlantas aber weiter gesungen. Die Diener des Herrn, die „Finsterblickenden“, peitschen sie dafür aus. Der Herr von Atlanta verweist empört auf die Gleichheit in Atlanta. Er führt zwei unbedeutende Beispiele an, welche die Unterschiede zwischen Reichen und Armen ignorieren. In einem letzten Schwarzspiel, angeregt von einem Sklaven, zeigt Faust unter Bezug auf Ovid die Szenerie eines goldenen Zeitalters: Dazu werden Brüderlichkeit, Freiheit, Gleichheit und Frieden gefordert. Die Herrschenden von Atlanta zeigen sich entsetzt über Details des Schwarzspiels, während die Sklaven es bejubeln. Der Herr von Atlanta ist eifersüchtig auf Faust. Er hatte Fausts Gespräch mit Elsa belauscht und die abschließende Umarmung gesehen. Die Schwarzspiele taten ihr Übriges. Mephisto warnt Faust deshalb davor, das Bankett zu besuchen. Man würde ihn verhaften und ihm Hetze gegen Atlanta und revolutionäre Ideen vorwerfen. Mephisto zieht als einen möglichen Beweis ein Buch Thomas Müntzers aus Fausts Tasche. Mephisto liest verschiedene Stellen. Faust erwidert mit den darauf stehenden Strafen. Da er aber das Buch berührt und somit den Vertrag gebrochen hat, kann ihm Mephisto nicht helfen. Ihnen bleibt nur die Flucht. Der kleine Teufel Auerhahn bekommt von Mephisto den Auftrag, Hanswurst zu retten. Der ist immer noch mit Grete zusammen und glücklich. Auerhahn versucht, Hanswurst ebenfalls zu einem Pakt mit ihm und der Unterwelt zu zwingen. Hanswurst lehnt ab, da er an seiner „kleinen verfressenen Seele hängt“. Schließlich presst Hanswurst Auerhahn einige Geschenke für Grete und einen zukünftigen Posten als Nachtwächter in Wittenberg ab und schließt so doch einen Vertrag mit Auerhahn. Für Auerhahn ist es die einzige Möglichkeit, den zögernden Hanswurst zum Aufbruch zu bewegen. Die zurückbleibende Grete wird von den „Finsterblickenden“ verhört.

3. Akt: Wittenberg

Unzufrieden über den kurzen oberflächlichen Ruhm in Atlanta und wieder in Wittenberg zu sein, möchte Faust ein großes Vorbild der Deutschen werden, „eine faustische Natur“. Faust will die Anerkennung der großen Herren. Auf Mephistos Rat hin, wird eine Ausstellung mit angeblich aus Atlanta mitgebrachten Schätzen aufgebaut. Der Bauernkrieg war kostspielig, und der Adel sucht nach neuen Geldquellen. Als der Adel eintrifft, bricht ein alter Diener zusammen, weil er in ihnen die Mörder seiner Söhne während des Bauernkrieges erkennt. Doch auch die arme Bevölkerung drängt in die Ausstellung. Wagner verkündet, Faust würde weitere Schätze dem Adel überlassen, um die Folgen des Bauernkrieges zu mildern. Es entsteht Unruhe. Ebenfalls anwesend ist der von Faust entlassene neue Nachtwächter Hanswurst. Er wird vom aufständischen Bauern Fischer als elendige Figur verhöhnt. Als Hanswurst unter einer Gruppe von ausgestellten „Eingeborenen“ seine Grete entdeckt, berührt er sie und die Figuren zerfallen zu Staub. Wagner berichtet, sie wurde als Verräterin in Atlanta hart bestraft. Unter Fischers Führung werden nun alle Vitrinen zerschlagen und alle Schätze zerfallen. Der ängstliche Faust flüchtet zu Mephisto. Die Wachen erschießen Fischer. Mephisto gibt Faust die Verantwortung. Faust ist verzweifelt und verlangt Gesellschaft. Sie fliegen deshalb nach Leipzig, in Auerbachs Keller. Dort deutet Faust Studenten die Orpheus-Sage. Als Faust bemerkt, dass er seine Zuhörer nur langweilt, bittet er Mephisto um Hilfe. Der zeigt eine Illusion, in der Odysseus, Circe und ihre Gefährten als Schweine einen Tanz aufführen. Faust flieht angeekelt. Zurück in Wittenberg verbirgt er sich in seinem Palast. Dem Wahnsinn nahe und sich selbst nicht mehr ertragend lässt er die Spiegel verhängen und wäscht sich ständig imaginäres Blut von den Händen. Adlige ehren ihn für seine Opposition zu Müntzer. Sie erklären ihn zum großen Vorbild, allerdings wieder eine Art Vorbild, die Faust nicht anstrebte. Als Luther ihn umarmt, wendet Faust sich ab. In der bedeutenden Confessio erzählt Faust seine Lebensgeschichte. Da er die Armut der Bauern nicht ertragen konnte, ging er ins Kloster. Als er die Verlogenheit und Hilflosigkeit der Kirche gegenüber der Armut erkannte, schloss er sich Luther an. Nachdem Luther zum Kampf gegen die Bauern aufgerufen hatte, schloss er sich Müntzer an. Ängstlich kehrte er aber nach dem Beginn der Bauernaufstände zu Luther zurück. Verzweifelt versuchte er als Arzt, zu helfen. Hilflos wechselte er dann zur Juristerei, wandte sich dann verdrossen der Philosophie zu. Da er aber nie etwas für das Wohl der Menschen ausrichten konnte, sich den revolutionären Bauern aber nicht anzuschließen traute, gab er sich der „Schwarzkunst“ hin. Jetzt aber erkennt er, dass dies nur seine tiefster Fall war. Mit den verhassten Herren hat er sich verbunden. Nach diesem endgültigen Verrat sieht er für sich nur noch den Untergang: Nun geh ich elend zu Grund, Und so soll jeder gehn, Der nicht Mut hat, Zu seiner Sach zu stehn. Mephisto reißt ihn zurück ins Schauspiel und erzählt, dass auch er ein verstoßener Verräter sei und bereue. Es gäbe für Faust auch einen Ausweg, eine mögliche Wiedergutmachung. Er bräuchte nur Zeit. Faust hofft wieder. Triumphierend kündigt ihm Mephisto aber sein Ende. Obwohl erst zwölf Jahre vorbei seien, wäre der Vertrag abgelaufen: Der Tag eines Bauern habe nur zwölf Arbeitsstunden. Faust habe aber 24 Stunden über ihn verfügt. Mit einer alten Bauernregel übervorteilt so Mephisto Faust. Reuig irrt Faust durch die Stadt. Hanswurst beschimpft ihn als Verräter. Tricks und gute Taten helfen ihm nicht mehr. Als er gegen Mitternacht schwächelt, erscheint Mephisto als Arzt und nimmt ihn mit. Hanswurst wird von einem derben Weib gerufen. Den letzten Auftritt hat Karl; ein ihn begleitender Knabe singt ein hoffnungsvolles Lied. Zwei Bürger meinen, Karl sei nicht unterzukriegen. ENDE

Anmerkung:

2019 wurde die handschriftliche Partitur (die der Dirigent bei der Uraufführung benutzte) eingeschrieben. Dabei fiel auf, dass die für die Uraufführung in Kassel ausgeschriebenen Orchesterstimmen an vielen Stellen nicht mit der Partitur übereinstimmen. So gab es Diskrepanzen zwischen Taktarten, Transpositionen, Instrumentenbelegungen, Taktanzahlen und dynamische Bezeichnungen.

Handelnde Personen:

FAUST

MEPHISTO

HANSWURST 

WAGNER / HERR v. ATLANTA / ZORN

JURIST / SEKRETÄR des Herrn v. Atlanta /ALTER DIENER 

PLUTO / STADTBÜTTEL / REKTOR 

CHARON / PÄCHTER / GENERAL

AUERHAHN / ANFÜHRER der Adelsdeputation / ZWEITER BÜRGER

ASMODI / MANN im Feuerofen

ZACHARIEL / NEGERSKLAVE / BETRUNKENER STUDENT

KARL / VÖLLEREI / FISCHER

UNKEUSCHHEIT / DERBES WEIB

GRETE

ELSA 

KNABE

ALTES WEIB

ERSTER BÜRGER

ZWEITER BÜRGER

FINSTERBLICKENDE JURIST

ARZT

Großer gemischter Chor

Vier Soli für die Todsünden (S, A, T, B)

Bauernchor

Negersklaven

Ein Solo als Bedienter (T)

Volkschöre

Schimpfchöre

Betrunkene Studenten

Finsterblickende

Die drei Teufel

Die drei Männer (Mezzo, – Tenor – Bass)

Stimmen hinten (B)

Orchesterbesetzung:

1. Flöte, auch Altflöte, auch Piccolo

2. Flöte, auch Piccolo

1. Oboe

2. Oboe, auch Englisch Horn

1. Klarinette in B. auch in A, auch kleine Klarinette in Es

2. Klarinette in B, auch Bassklarinette

1. Fagott

Kontrafagott, auch 2. Fagott

Altsaxophon in Es, auch Sopransaxophon in B

1. Horn in F

2. Horn in F

3. Horn in F

4. Horn in F

1. Trompete in B

2. Trompete in B

1. Posaune

2. Posaune

3. Posaune, auch Kontrabass-Posaune

Tuba, auch Kontrabass-Tuba

Percussion I, II und III (vier Spieler)

E-Klavier

E-Bass

10 Violinen I (mindestens 8)

8 Violinen II (mindestens 6)

6 Violen (mindestens 5)

4 Violoncelli

3 Kontrabässe (alle Fünfsaiter)